Verstehen

Das Tier im Fokus: Wohlbefinden und Schutz

Tiergestützte Arbeit funktioniert nur, wenn das Tier geschützt ist. Erfahre, welche Anforderungen an Haltung, Training und Einsatz gestellt werden und wo die ethischen Grenzen liegen.

Inhaltsverzeichnis

01

Die unbedingte Priorität des Tierwohls in der TGI

02

Anforderungen an Haltung, Training und Einsatz: Eine ganzheitliche Betrachtung

03

Grenzen der Belastbarkeit: Stresssignale erkennen und respektieren

04

Ethik und Verantwortung: Der Schutzauftrag der Fachkraft

Die unbedingte Priorität des Tierwohls in der TGI

In der tiergestützten Arbeit ist das Wohlbefinden des eingesetzten Tieres nicht nur ein ethisches Gebot, sondern eine fundamentale Voraussetzung für den Erfolg und die Sicherheit der Intervention. Ein Tier, das unter Stress leidet, unzureichend gehalten oder überfordert ist, kann seine positive Wirkung nicht entfalten und stellt stattdessen ein erhöhtes Risiko für alle Beteiligten dar. Dieser Grundsatz ist in nationalen Tierschutzgesetzen verankert und bildet das Kernstück internationaler Qualitätsstandards. Die Fachkraft trägt hier eine doppelte Verantwortung: sowohl für die Klient:innen als auch für das Tier.

Anforderungen an Haltung, Training und Einsatz: Eine ganzheitliche Betrachtung

Ein professioneller TGI-Einsatz beginnt weit vor der eigentlichen Interaktion mit einer sorgfältigen Vorbereitung des Tieres und dessen Umfelds.

Artgerechte Haltung

Die Tiere müssen in einer Umgebung leben, die ihren natürlichen Bedürfnissen in vollem Umfang gerecht wird. Dies beinhaltet ausreichend Bewegungsfreiheit, adäquate Sozialkontakte mit Artgenossen (insbesondere für soziale Tierarten wie Pferde, Kaninchen oder Meerschweinchen, die nicht isoliert gehalten werden dürfen), sowie eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Gesundheitsvorsorge. Eine stabile und sichere häusliche Umgebung bildet die Basis für ein ausgeglichenes Verhalten des Tieres im Einsatz.

Spezialisiertes Training und Sozialisation

Das Training für TGI-Tiere unterscheidet sich grundlegend von klassischem Gehorsamstraining. Es konzentriert sich auf die Desensibilisierung gegenüber ungewöhnlichen Reizen, die Förderung einer hohen Stresstoleranz und einer ausgeprägten Sozialkompetenz. Die Tiere lernen, ruhig und gelassen auf unterschiedliche Menschen, Geräusche und Situationen zu reagieren. Dieses Training erfolgt stets mit positiver Verstärkung, um eine vertrauensvolle Beziehung zur Fachkraft aufzubauen und die Freude des Tieres an der Interaktion zu erhalten. Eine umfassende Sozialisation in verschiedenen Umgebungen und mit unterschiedlichen Menschentypen ist dabei unerlässlich.

Strukturierter und begrenzter Einsatz

Die Einsatzzeiten der Tiere müssen streng limitiert werden, um Überforderung und Ermüdung vorzubeugen. Dies beinhaltet die Einhaltung regelmäßiger und ausreichender Ruhepausen, die Bereitstellung von Rückzugsorten, an denen das Tier ungestört sein kann, sowie die Anpassung der Interventionsdauer an die individuelle Tagesform und Belastbarkeit des Tieres. Ein ruhiges, gut strukturiertes Setting mit klar definierten Rollen und Abläufen trägt maßgeblich zum Wohlbefinden des Tieres bei.

Grenzen der Belastbarkeit: Stresssignale erkennen und respektieren

Fachkräfte in der TGI müssen darin geschult sein, auch subtile Stresssignale ihrer Tiere zu erkennen und umgehend darauf zu reagieren. Die Fähigkeit, die Körpersprache des Tieres präzise zu interpretieren, ist eine Kernkompetenz im Risikomanagement.

Häufige Stresssignale bei Tieren:

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Hunde

Deutliches Gähnen oder Züngeln ohne Müdigkeit oder Futterreiz, vermehrtes Kratzen, Hecheln ohne körperliche Anstrengung, Kopf abwenden, Winseln, Meideverhalten, eine tief gestellte Rute oder das Einziehen der Rute sind klare Anzeichen für Unbehagen.

Pferde

Angebundene Ohren, angespannte Nüstern, Schweifschlagen ohne Insekten, häufiges Absetzen von Kot oder Urin, übermäßiges Schnauben oder die Weigerung, sich anzufassen, können auf Stress hinweisen.

Kleintiere (z.B. Kaninchen, Meerschweinchen)

Erstarren, starkes Zittern, häufiges Putzen, lautes Zähneknirschen, hektisches Fluchtverhalten oder das Verstecken in der Box sind Alarmzeichen.


Das sofortige Beenden oder Unterbrechen einer Intervention bei Auftreten solcher Signale ist nicht nur eine Frage des Tierschutzes, sondern auch eine Maßnahme zur Sicherung der Interventionsqualität und der Sicherheit der Klient:innen. Ein gestresstes Tier kann unberechenbar werden und ist für eine konstruktive Interaktion ungeeignet
.

Ethik und Verantwortung: Der Schutzauftrag der Fachkraft

Der ethische Rahmen der TGI verpflichtet die Fachkraft zu einem Schutzauftrag gegenüber dem Tier, der dem Schutzauftrag gegenüber dem Menschen gleichrangig ist. Es ist die Aufgabe der Fachkraft, die Bedürfnisse des Tieres zu antizipieren, seine Grenzen zu respektieren und es vor jeglicher Form der Überforderung oder Ausbeutung zu schützen.

Ethische Leitlinien betonen:
  • Die Würde des Tieres als Mitgeschöpf und Partner.

  • Das Recht des Tieres auf Rückzug und Ruhe.

  • Die Verpflichtung der Fachkraft, als Anwalt des Tieres zu agieren.

  • Die unbedingte Freiwilligkeit der Teilnahme des Tieres an den Interventionen.

Diese tiefgreifende ethische Verankerung des Tierschutzes bildet die Basis für eine professionelle und nachhaltige tiergestützte Arbeit, die sowohl den Menschen als auch dem Tier gerecht wird.
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